Copyright als Raubrittertum: Eine Antwort

Die Replik von @lenggenhager auf den Artikel “Copyright als Raubrittertum” der NZZ, nachzulesen hier.

"Nach der Lektüre dieses Artikels bin ich etwas erstaunt, dass ich für die Publikationen der beiden Autoren bei Amazon immer noch 30 Euro und mehr zahlen muss. Ich hätte erwartet, dass die Herren konsequenterweise ihre Werke unentgeltlich der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Immerhin beziehen beide ja immer noch ihr Gehalt von der Uni Fribourg und könnten notfalls gegen Eintritt Vorträge halten. Sollte es sich hier um einen klassischen Fall von „Wasser predigen und Wein trinken“ handeln?

Ernsthaft, der Artikel hat einen grundlegenden Denkfehler. Die Autoren gehen davon aus, dass das Geschäftsmodell der Musikindustrie darin besteht, Musiker und Interpreten auszunutzen und das Publikum zu täuschen. Das mag zwar eine populäre Ansicht sein, sie ist aber deswegen noch lange nicht richtig. Geflissentlich wird im Artikel verschwiegen, dass die Industrie in ihre Bands und Solokünstler massiv Zeit, Arbeit und Geld investiert.

Ich stelle mir einfach mal vor, was passieren würde, wenn ich heute Nachmittag bei meiner Bank reinspaziere und um 120’000 CHF Kredit bitte. „Wissen Sie, das Geld brauch ich die nächsten zwei Jahren zum Leben, damit ich mich voll aufs Songwriting konzentrieren kann. Wenn’s gut läuft, dann kriegt ihr euer Geld zurück, wenn das Publikum meine Songs kauft. Und falls es nicht klappt, dann habt ihr leider Pech gehabt. Ihr braucht eine Garantie? Aber klar, hört euch hier mal die neuen Songs an, die ich geschrieben habe.“ Hört sich verrückt an, nicht? Und trotzdem ist dies  genau das Modell der Musikbranche: Plattenfirmen und Verlage geben diese 120’000 CHF weil sie fest daran glauben, dass sich diese Investition eines Tages auszahlen wird.

Es kommt noch ein zweiter Punkt hinzu. Künstler brauchen Plattenfirmen, Verlage, Booker und Promoter, weil niemand die lokalen Märkte besser kennt. Woher sollte ein kanadischer Sänger Kenntnisse über den Musikmarkt in der Ukraine, auf den Seychellen oder in der Schweiz haben? Wie kriege ich als Band aus Brasilien sonst einen Auftritt in Olten oder Taipeh? Hier kommt die lokale Musikindustrie ins Spiel. Unsere Agentur Lautstark beispielsweise vertritt Künstler aus allen Regionen der Welt auf dem Schweizer Markt. Bands und Solokünstler aus Kanada, Chile, Dänemark, den Färöer Inseln und weiteren 46 Ländern vertrauen auf unser Knowhow als Promoagentur und unser Beziehungsnetzwerk. Wir arbeiten auf Mandatsbasis, der Künstler kann die Zusammenarbeit jederzeit beenden, wenn er mit unserer Leistung nicht zufrieden ist. Bezahlen tut er uns mit dem Geld, dass er nicht zuletzt dank dem Copyright verdient. Es gibt unter unseren Kunden tatsächlich Künstler, die einen beträchtlichen Anteil ihrer Einnahmen an Plattenfirma, Verlag und Management zahlen. Es gibt aber mindest so viele, bei denen der grösste Teil der erzielten Einnahmen auf das eigene Konto fliesst. Der Anteil, der dabei aus Urheberrechtsgebühren stammt, ist bedeutend und (überlebens)wichtig. Ein Leben in Reichtum und Luxus liegt im Normalfall nicht drin, aber es reicht aus, um sich als Künstler voll und ganz auf das eigene Schaffen konzentrieren zu können. Es sind die besten Voraussetzungen, um das kreative Potential optimal auszuschöpfen.

Ich lade die Autoren gerne ein, für einen Tag ihren Elfenbeinturm zu verlassen und mal bei uns in der Industrie vorbeizuschauen. Die Türen zur Realität stehen ihnen bei Lautstark jederzeit weit offen.”

Frank Lenggenhager, Lautstark Music GmbH

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